Mein Leben nach dem Missbrauch
oder: Wie Yvonne ihre Zuversicht wiedergefunden hat

1. Einleitung der Autoren
Der folgende Bericht beschreibt den harten Kampf einer Jugendlichen bei der Überwindung von sie zerstörenden Gefühlen wie Wut, Hass, Angst und Verzweiflung infolge eines traumatisierenden, längerfristigen Missbrauches durch einen „guten Freund der Familie“.
Der vorliegende Text beruht auf den Ausarbeitungen mit Yvonne im Rahmen der Auswertung und Reflektion am Ende des therapeutischen Gesamtprozesses im „Familientherapeutischen Kinder- und Jugendhaus flientje”.
Aus Datenschutzgründen haben wir (die Autoren und die betroffene Jugendliche) uns entschieden, den Namen zu verändern und als Synonym den Namen Yvonne zu verwenden.
Angeregt durch verschiedene mit Kindern und Jugendlichen im „flientje” entwickelten Praxismaterialien, entwickelte Yvonne die Idee, ihre Geschichte in einem Buch zusammenzufassen.
Sie möchte anderen Mädchen und Jungen mit einem ähnlichen Schicksal mit diesem Bericht ermutigen, auch in anscheinend aussichtslosen Situationen nach Vorne zu schauen und Unterstützung zu suchen in der Findung eines jeweils für sie passenden Lebensweges.
Yvonne will anderen Mädchen und Jungen in ihren „Kampf der Gefühle” Einblick geben, so dass sie es vielleicht ein wenig leichter haben, ihre Gefühle wie Wut, Hass, Angst und Verzweiflung zu akzeptieren, um daran aufbauend die Selbstkontrolle über das eigene Verhalten in vielen Lebenssituationen leichter zurück zu gewinnen.
Gleichzeitig werden Eltern, Lehrer und helfende Berufsgruppen durch die Erklärungen von Yvonne viele ihnen vertraute Verhaltensweisen von jungen Menschen mit ähnlichen Schicksalsschlägen erkennen und – so wünscht es sich Yvonne- besser verstehen.
Am Ende der gemeinsamen Arbeit haben wir mit Yvonne ihre Zeit im „flientje” rückwirkend aus verschiedenen Blickwinkeln mit der Methode der „timeline” betrachtet (reflektiert).
Das bedeutet, dass wir jeden für Yvonne wichtigen Lebensabschnitt mit Kärtchen auf einer ausgelegten Zeitlinie vom Ausgangspunkt aller Schwierigkeiten bis hin in die Gegenwart gemeinsam erkundet haben.
Von besonderer Bedeutung war es uns, den Betrachtungsschwerpunkt auf die Fähigkeiten und Stärken von Yvonne zu legen, insbesondere auf jene, die sie weiter ausgebaut oder neu hinzugewonnen hat, um ihr Leben in Richtung einer gewünschten Zukunft immer weiter zielgerichtet zu entwickeln.
Für jeden Lebensabschnitt hat Yvonne ein Symbol benannt und ein Bild gemalt, das jeweils repräsentativ für ihre damaligen Gefühlszustände gewesen ist.
Wir haben uns bemüht, wichtige Aussagen von Yvonne in Form der wörtlichen Rede wiederzugeben.
Die Reflektionsgespräche haben wir so moderiert, dass wir durch unsere Fragen immer wieder beleuchtet haben, was hilfreich war und welche Lösungswege für Yvonne funktionierten.
Insbesondere die Frage „Wozu war dies für dich wichtig!” haben wir häufig gestellt, um Streit, Eskalationen und gesellschaftlich nicht erwünschte Verhaltensweisen wie zum Beispiel Verweigerungsstrategien, Provokationen, selbstverletzendes Verhalten neu oder anders zu beleuchten.
Die von uns gestellten Fragen sind im folgenden Text nicht alle wiedergegeben, um die Gewichtung auf die Aussagen von Yvonne zu lenken.
Zur Erklärung:
Kernziel der Arbeit ist es gewesen, dass Yvonne es schafft,
- keine Schuldgefühle mehr zu haben,
- für sie wichtige Fragen ihren Eltern zu stellen,
- einen Schulabschluss zu erreichen,
- ihre Gefühle immer besser zu verstehen,
- ihre Wut und Verzweiflung anzunehmen,
- mit ihren Ängsten anders umzugehen,
- ihr daraus resultierendes Verhalten zu lernen immer besser zu kontrollieren,
- ihr Verhältnis zu ihren Eltern zu klären,
- sich ergänzende Ressourcen (evtl. Geschwister) auf- und auszubauen und
sich selbst eine Zukunftsperspektive zu erarbeiten.
2. Einführung von Yvonne
Hallo zusammen! Zunächst eins vorweg. Mein wirklicher Name ist nicht Yvonne.
Im Gespräch mit Silvia und Tido habe ich überlegt, dass es besser ist, nicht meinen eigenen Namen zu verwenden. Für die Unterstützung bei der Niederschrift meiner
Gedanken sei euch an dieser Stelle noch einmal mein Dank ausgesprochen.
Meine Zeit im „flientje” ist jetzt schon fünf Jahre her. Mittlerweile lebe ich in meiner eigenen Bude. Wenn ihr dies lest, habe ich hoffentlich meine Ausbildung abgeschlossen.
Die Idee für dieses Buch hatte ich in meinen letzten Wochen im „flientje”. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte das Buch auch sofort geschrieben werden können. Tido hat damals gesagt, dass er dies nur machen will, wenn ich dies auch nach einiger Zeit noch möchte, um dies später nicht zu bereuen. Und so haben wir vereinbart, dass er mich, wenn ich 21 Jahre alt geworden bin, noch einmal darauf anspricht. Es freut mich jetzt um so mehr, dass ich meine Geschichte nun doch noch veröffentlichen kann.
Ich möchte allen die dies lesen einen kleinen Einblick in mein Leben geben. Ich hoffe, dass dieses Buch anderen hilft, bei ähnlichen Schicksalsschlägen leichter einen Weg nach Vorne zu finden. Ich habe ziemlich kämpfen müssen, um in mein Leben zurückzufinden und zumindest mehr Ordnung zu bekommen.
Ich fühlte mich nach dem Missbrauch so verletzt, ausgenutzt und beschämt. Am allerschlimmsten war es aber darüber nicht mit meinen Eltern sprechen zu können, geschweige denn meine Fragen loszuwerden. Ich habe daher immer mehr gegen alles gekämpft, was mich verletzte. Zuletzt habe ich mich gegen jede Anforderung an mich gewehrt, auch wenn sie noch so sinnvoll war. Um mich zu spüren, habe ich meine Arme geritzt, meine Beine und manchmal auch meinen Bauch, aber weder dies, noch abhauen hat mir geholfen.
Von den eigenen inneren Bildern wegzulaufen ist unmöglich. Auch den Schmerz kann man nur kurzzeitig wegdrücken.
Erst als ich begonnen habe, mich meinen Gefühlen zu stellen, habe ich ganz langsam einen Weg nach vorne für mich sehen können.
Ich weiß nicht, was dir hilft, aber ich kann dir sagen, was mir geholfen hat.
Das Leben geht weiter so oder so. Es liegt an dir einen Weg zu wählen, der dich langsam immer mehr zermürbt und zerstört, oder einen, der dir Zukunftsperspektiven auftut.
Hilfe annehmen ist ein erster wichtiger Schritt auf dem langen Weg zurück in ein Leben mit Freude, Mut und Zuversicht. Mir ist dies leider sehr schwer gefallen.
Auch im „flientje” habe ich lange gebraucht, um mich wirklich einzulassen. Als ich es geschafft habe und spürte, dass dies mir gut tut, da wusste ich, dass ich doch noch eine Chance habe.
Die inneren Bilder verblassen, aber sie bleiben. Im Frühjahr und im Herbst (da ist es bei mir passiert) habe ich auch heute noch verstärkt diese furchtbaren Bilder vor Augen. Vor allem wenn alles ruhig um mich herum wird. Abends war es lange Zeit am schlimmsten. Auf einige der quälenden Fragen gibt es vielleicht nie Antworten. Ich habe gelernt dies zu akzeptieren.
Die Frage nach dem Warum habe ich mit der Unterstützung vom „flientje” irgendwann aufgeben können. Na ja, ab und zu kommt sie schon noch einmal hoch.
Für mich lag die Lösung darin, nicht mehr bei mir nach Schuld oder Ursachen zu suchen. Kein Mann hat das Recht ein Mädchen oder eine Jugendliche gegen ihren Willen anzufassen etc. Dies war das erste, was mir im „flientje” immer wieder gesagt wurde. Und dies stimmt.
Nicht ich habe etwas falsch gemacht sondern der Täter.
Meinen Eltern habe ich große Vorwürfe gemacht, dass sie mich nicht vor dem „guten Freund der Familie” geschützt haben, dass sie nie etwas gemerkt haben, mir nicht zugehört haben und auch im Nachhinein es nicht geschafft haben, mit mir darüber zu reden. Mit 21 Jahren erkenne ich, dass sie dazu leider emotional nicht in der Lage sind. Sie reden nicht, weil sie mir Schuld geben oder mich nun nicht mehr mögen, sondern weil sie selber damit nicht umgehen können und alles verdrängen. Dies war leider für mich wenig hilfreich.
Mein Leben ist nachdem Missbrauch völlig durcheinander geraten. Ich brauchte Hilfe, um wieder Ordnung zu bekommen, wieder für einen Sinn in meinem Leben zu kämpfen. Und vor allem zu lernen, an welchen Stellen es wichtig und richtig ist sich zu wehren und Nein zu schreien und an welchen Stellen man sich – auch wenn es schwer fällt – von anderen schon etwas oder auch viel sagen und gefallen lassen muss (Schule, Ausbildung etc.).
Ich habe lange ziellos gegen alles gekämpft was nicht so wollte wie ich.
Ich bin jetzt 21 Jahre alt. Ich muss immer noch bei bestimmten Gefühlen und spontanen Reaktionen gegensteuern. Im „flientje” habe ich gelernt, wofür dies gut ist, wie dies geht und vor allem, dass ich selbst dies kann.
Dass wichtigste aber ist, dass ich erfahren habe so akzeptiert zu werden, wie ich bin und als Mensch wertgeschätzt zu werden. Ich habe gelernt, dass jeder Mensch etwas besonderes ist und ich habe mich selbst wieder gelernt zu respektieren und anzunehmen.
Ich überlege mir zur Zeit noch einmal eine Therapie zu machen, um bestimmte Dinge noch besser verarbeiten zu können.
Also gib nicht auf, sondern kämpfe, aber für das wichtigste Ziel überhaupt – deine Zukunft.